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Erfolgreiches Kritisieren in der Ausbildung: Praxisnahe Strategien für konstruktive Kommunikation

Als Ausbilder stehen wir vor der wichtigen Aufgabe, Fehlverhalten unserer Auszubildenden anzusprechen, um positive Veränderungen herbeizuführen. Nehmen wir an, ein Auszubildender zeigt wiederholt Unpünktlichkeit oder vernachlässigt seine Aufgaben. Es gibt unzählige Fälle, bei denen wir als Ausbilder aktiv werden müssen. Wie können wir dieses Verhalten konstruktiv kritisieren, ohne die Motivation des Auszubildenden zu beeinträchtigen oder diesen persönlich anzugreifen? Hier präsentiere ich praxisnahe Strategien für erfolgreiches Kritisieren in der Ausbildung. Im Übrigen ist diese Taktik nicht nur in der Ausbildung Gold wert, sondern sollte generell angewandt werden.

1. Selbstreflexion: Der Schlüssel zur konstruktiven Kritik

Bevor wir Kritik äußern, ist es entscheidend, uns selbst erst einmal zu hinterfragen. Reflektieren wir unseren eigenen Standpunkt und prüfen, ob unsere Unzufriedenheit auf objektiven Fakten oder persönlichen Empfindlichkeiten basiert. Ein Beispiel könnte sein, dass wir uns über Unpünktlichkeit ärgern, aber ist es möglich, dass es auch andere Faktoren wie lange Anfahrtswege gibt? Selbstreflexion ermöglicht eine fundierte und faire Kritik.

2. Kluge Verwendung von Kritik: Gezielte Ansprache für effektive Veränderung

In der Ausbildung ist es wichtig, Kritik gezielt einzusetzen. Wenn beispielsweise ein Auszubildender regelmäßig seine Aufgaben vernachlässigt, könnte die Kritik darauf abzielen, konkrete Beispiele für versäumte Aufgaben anzusprechen. Dadurch wird die Kritik greifbar und unterstützt den Auszubildenden dabei, seine Arbeitsweise zu verbessern.

3. Respektvolle Formulierung: Fehlverhalten konkret und respektvoll ansprechen

Statt genereller Vorwürfe ist es ratsam, sich auf spezifische Verhaltensweisen zu konzentrieren. Anstatt zu sagen “Du vernachlässigst ständig deine Aufgaben”, könnte die Formulierung lauten: “In den letzten zwei Wochen habe ich bemerkt, dass die Berichte nicht rechtzeitig eingereicht wurden. Lassen Sie uns darüber sprechen und eine Lösung finden.” Respektvolle Formulierungen schaffen eine offene Gesprächsatmosphäre. Es ist auch darauf zu achten, dass man den Gegenüber nicht mit “du” Sätzen direkt attackiert. Formuliere bedacht und spreche immer aus deiner Person oder bilde Sätze mit “wir”.

4. Sofortige und präzise Kommunikation: Zeitnahes Feedback in der Ausbildung

Verzögertes Feedback kann zu Missverständnissen führen. Stellen wir uns vor, ein Auszubildender zeigt während einer Gruppenarbeit mangelnde Teamarbeit. Sofortiges Feedback ermöglicht es, den konkreten Vorfall anzusprechen und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. Eine Verzögerung könnte dazu führen, dass der Auszubildende den Vorfall vergessen hat und das Feedback dadurch weniger oder gar nicht effektiv ist. Es ist auch generell wichtig bei Kritik nicht eine Ansammlung aus Themen der Vergangenheit aufzutischen. Dies wird als Angriff gewertet und wird einen Streit eskalieren lassen, da der Gegenüber seine Person als sich angegriffen fühlt. Ihm wird nur eine Abwehrhaltung übrig bleiben und so keine selbstkritische Überlegung oder Erkenntnis zulassen.

5. Positive Umrahmungstechniken: Motivation durch konstruktives Feedback stärken durch die Hamburger-Technik

Eine positive Umrahmungstechniken, wie die Hamburger-Technik, sind der Schlüssel, um Kritik respektvoll aber auch motivierend an unsere Auszubildenden heranzutragen. Beginnen wir mit positiven Aspekten wie Engagement in anderen Projekten, führen dann die Kritik ein und schließen mit erneuten positiven Äußerungen ab. Dies hilft, die Kritik in einen größeren Kontext zu setzen und die Motivation für Veränderung zu fördern. Ein paar Beispiele dazu habe ich konstruiert und dir weiter unten als fiktiven Dialog aufgeführt.

6. Wünsche und Ermutigungen: Förderung von Eigenverantwortung und Hervorhebung positiver Punkte

Formulieren wir Kritik als Wunsch oder Bitte, um die Auszubildenden zur Eigenverantwortung zu ermutigen. Anstatt zu sagen “Du machst immer wieder denselben Fehler”, könnten wir sagen: “Ich wünsche mir, dass wir gemeinsam eine Lösung finden, um solche Fehler in Zukunft zu vermeiden.” Dies fördert die Eigenverantwortung und die Bereitschaft zur Veränderung. Dieser Punkt geht Hand in Hand mit Punkt 5 meiner Liste. Bauen wir die Wünsche aus unserer Sicht direkt nach der weich verpackten Kritik ein und schließen mit aufbauenden positiven Punkten ab. Dies wird den Auszubildenden motivieren und eine selbst eingeleitete Korrektur vom Verhalten auslösen.

7: Der Rahmen des Gesprächs: Eine unterstützende Umgebung schaffen

Es ist entscheidend, dass das Gespräch in einer unterstützenden und vertraulichen Umgebung stattfindet. Wähle einen ruhigen Ort, fern von Ablenkungen und sicher vor neugierigen Blicken. Dies ermöglicht eine offene Kommunikation, ohne dass der Auszubildende sich beobachtet oder peinlich berührt fühlt.

Beginne das Gespräch mit einer freundlichen Begrüßung und schaffe eine positive Atmosphäre. Betone, dass das Ziel des Gesprächs ist, gemeinsam Lösungen zu finden und die berufliche Entwicklung zu fördern. Vermeide jeglichen Druck oder Vorwürfe.

Wenn möglich, vereinbare einen Termin, um sicherzustellen, dass beide Parteien ausreichend Zeit und Aufmerksamkeit für das Gespräch haben. Dies unterstreicht die Bedeutung des Themas und zeigt, dass du dir die Zeit nimmst, um konstruktiv zu arbeiten.

Denke auch daran, Feedback als einen kontinuierlichen Prozess zu betrachten. Es ist nicht nur auf problematische Situationen beschränkt, sondern sollte ein integraler Bestandteil der Ausbildung sein. Durch eine positive und unterstützende Umgebung wird die Akzeptanz von Kritik gefördert, und die Auszubildenden fühlen sich ermutigt, aktiv an ihrer eigenen beruflichen sowie persönlichen Entwicklung zu arbeiten.

Im nachfolgenden Bild sieht man eine typische Situation, wie sie nicht mehr vorkommen sollte. Konstruktive Kritik findet auf Augenhöhe statt, unter Berücksichtigung der oben genannten Empfehlungen.

Fiktive Dialoge

Beispiel 1

Ausbilder (A): Hallo Max, könnten wir kurz über deine Pünktlichkeit sprechen? Ich habe bemerkt, dass du in den letzten Wochen öfter etwas verspätet zur Arbeit gekommen bist.

Auszubildender (M): Oh, ja, natürlich. Was möchtest du besprechen?

A: Nun, ich möchte betonen, dass ich deine Bemühungen in Projekten und deine Arbeitseinstellung schätze. Du zeigst wirklich Engagement.

M: Danke, das freut mich zu hören.

A: Gleichzeitig ist mir aufgefallen, dass es bei deiner Pünktlichkeit einige Herausforderungen gab. Es gab Situationen, in denen deine Verspätung die Abläufe beeinflusst hat, besonders wenn wir enge Zeitpläne haben.

M: Oh, das tut mir leid, ich habe nicht vor, Probleme zu verursachen.

A: Das ist verständlich. Ich denke, es wäre hilfreich, wenn wir gemeinsam eine Lösung finden könnten. Ich wünsche mir, dass du in Zukunft darauf achtest, rechtzeitig hier zu sein, damit unsere Abläufe reibungsloser verlaufen können.

M: Ja, ich verstehe das. Ich werde mein Bestes geben, pünktlicher zu sein.

A: Das wäre großartig, Max. Ich weiß, dass du viel leisten kannst, und ich bin sicher, dass diese kleine Anpassung einen positiven Einfluss auf unsere Arbeitsabläufe haben wird. Vielen Dank für deine Offenheit.

M: Danke für das Gespräch. Ich werde darauf achten und mich verbessern.

In diesem Beispiel wird die Kritik mit positiven Elementen umrahmt, indem zunächst die Wertschätzung für das Engagement des Auszubildenden ausgedrückt wird. Die Kritik selbst wird präzise und auf eine bestimmte Verhaltensweise fokussiert.

Schließlich wird die Konversation mit einem Wunsch für die Zukunft und einer positiven Bestätigung ab, wodurch die Hamburger-Technik gut angewandt wurde.

Beispiel 2

Ausbilder (A): Hallo Lisa, könnten wir kurz über etwas sprechen, das mir aufgefallen ist?

Auszubildende (L): Natürlich, Herr Müller. Was gibt es?

A: Zunächst einmal möchte ich betonen, dass ich deine Beteiligung an den Unterweisungen schätze. Du zeigst Interesse an den Themen, was wichtig ist.

L: Vielen Dank, Herr Müller. Ich gebe mein Bestes.

A: Das ist gut zu hören. Allerdings ist mir aufgefallen, dass während der Unterweisungen gelegentlich Gespräche mit anderen Azubis stattfinden. Das kann störend sein, nicht nur für mich, sondern auch für die anderen, die sich auf die Inhalte konzentrieren möchten.

L: Oh, das tut mir leid. Ich habe nicht beabsichtigt, jemanden zu stören.

A: Verstehe das bitte nicht falsch. Ich schätze deine Offenheit. Mein Wunsch ist es, dass wir eine Umgebung schaffen, in der jeder sich optimal auf die Unterweisung konzentrieren kann. Das trägt zu einem effektiven Lernumfeld bei.

L: Ja, ich verstehe das. Es wird nicht mehr vorkommen.

A: Das freut mich zu hören, Lisa. Ich bin überzeugt, dass du das Potenzial hast, hier viel zu lernen. Wenn wir gemeinsam daran arbeiten, störungsfreie Unterweisungen zu ermöglichen, wird das für uns alle von Vorteil sein.

L: Ich verspreche, mich zu verbessern. Danke für das Gespräch, Herr Müller.

A: Danke, Lisa. Ich schätze deine Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Wenn wir gemeinsam an solchen kleinen Anpassungen arbeiten, wird das positive Auswirkungen auf unsere Lernumgebung haben.

In diesem Beispiel wird die Kritik ebenfalls in positive Elemente eingebettet. Der Ausbilder hebt die positiven Aspekte der Azubi-Beteiligung hervor, formuliert die Kritik präzise und schließt das Gespräch mit einem klaren Wunsch für die Zukunft und einer positiven Bestätigung ab.

Natürlich gibt es auch Situation und Persönlichkeiten, die gegen jegliche Kritik und Selbstreflexion resistent zu sein scheinen. Hier ist es die Aufgabe vom Ausbilder, die richtige Methode zu finden, wie man solche Persönlichkeiten respektvoll und konstruktiv erreichen kann. Machen wir uns aber auch nichts vor. Es gibt auch die Kandidaten, die einfach mal einen verbalen Denkanstoß benötigen. Dies sollte aber grundlegend der letzte Ausweg sein!

Wertvolle Insights für die Ausbildungspraxis:

Frühzeitige Intervention:
Konstruktives Feedback sollte nicht aufgeschoben werden. Interveniere frühzeitig, um Missverständnisse zu vermeiden und Verhaltensänderungen zu fördern.

Selbstreflexion als Ausbilder:
Reflektiere regelmäßig deine eigene Herangehensweise an Feedback. Eine bewusste Selbstreflexion verbessert die Qualität der Rückmeldungen und fördert eine positive Lernumgebung.

Individualisierte Ansprache:
Jeder Auszubildende ist einzigartig. Passe dein Feedback an die individuellen Bedürfnisse und Persönlichkeiten an, um eine effektive Kommunikation zu gewährleisten.

Positives Verstärken:
Betone nicht nur Verbesserungsbereiche, sondern würdige auch Erfolge und positive Entwicklungen. Positive Verstärkung motiviert Auszubildende zusätzlich, ihr Bestes zu geben.

Klare Erwartungen kommunizieren:
Stelle sicher, dass die Erwartungen klar kommuniziert werden. Eindeutige Richtlinien helfen Auszubildenden, ihre Leistung besser zu verstehen und gezieltere Verbesserungen vorzunehmen.

Feedback als Dialog verstehen:
Sieh Feedback nicht als einseitige Mitteilung, sondern als Dialog. Ermutige Auszubildende, ihre Perspektiven und Ideen einzubringen, um gemeinsam Lösungen zu finden.

Regelmäßige Feedback-Sitzungen:
Plane regelmäßige Feedback-Gespräche ein. Strukturierte Sitzungen geben Auszubildenden die Möglichkeit, ihre Fortschritte zu besprechen und offene Fragen zu klären.

Vertrauensvolle Atmosphäre schaffen:
Baue eine Vertrauensbasis auf. Auszubildende sollten sich sicher fühlen, um offene Gespräche zu führen und Feedback ohne Furcht vor negativen Konsequenzen anzunehmen.

Zukunftsorientierte Perspektive:
Betone die zukünftigen Potenziale. Nutze Feedback, um Perspektiven für persönliche und berufliche Entwicklung aufzuzeigen und motiviere so zu kontinuierlichem Wachstum.

Selbstverantwortung fördern:
Ermutige Auszubildende zur Selbstverantwortung. Indem du sie in den Prozess einbeziehst und sie aktiv am Feedback beteiligst, fördert dies ihre Eigenmotivation und Selbstentwicklung.

 

Marco

Abenteurer, Ultra-Läufer, Python Entwickler, IT-Spezialist

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